Ein berührendes aber doch auch humorvolles Fest gab es für die Frau des Jahres am 99. Internationalen Frauentag. Wie wir auf der Webseite der Grünen Leopoldstadt schon berichtet haben, wurde heuer Elisabeth Ben David Hindler, Initiatorin und Koordinatorin der Steine der Erinnerung geehrt.
Nachdem Terezija Stoisits in Ihrer Laudatio davon erzählte, wie sich die „Steine der Erinnerung“ (als Verneigung vor den ermordeten jüdischen BewohnerInnen vieler Wiener Häuser) von der Leopoldsstadt ausgehend nach und nach auch in anderen Wiener Bezirken verbreiten, strich die Urheberin der Idee der „Steine der Erinnerung“, Frau Elisabeth Ben David Hindler hervor, welchen großen Mut es braucht, weniger die Erinnerungssteine in unermüdlicher Arbeit mit ihrem kleinen Team zu installieren, als vielmehr als Frau nicht in falscher Bescheidenheit die Ehrung „Frau des Jahres 2010″ froh anzunehmen.
Nun können wir auch ein paar Fotos nachreichen:
Fotos von Martin Juen.
Fotos von Wolfgang Kamptner.
„Ich bin ein bisschen fanatisch“
Wie Frau Chen ein Grätzl prägt
Hektisch wuseln Menschen durch die Gänge des Lebensmittelgeschäfts. An der Kasse eine Schlange prall gefüllter Einkaufswägen. Es klingelt, eine zweite Kasse öffnet, nur ein Einkäufer wechselt, alle anderen bleiben mit ihren Wägen in der Reihe stehen. „Ich wart lieber, ich freu mich immer auf Frau Chen“, erklärt eine Frau. Fast alle im Volkertviertel in der Leopoldstadt kennen und schätzen Frau Chu-An Chen. Wer ist die Frau, die uns trotz der anstrengenden Arbeit an der Kasse so umsichtig und freundlich begegnet?
„Klavier spielen war der Sinn meines Lebens.“
Chu-An Chen ist in Taiwan geboren, wo sie bis zu ihrem 14. Lebensjahr in der Hafenstadt Kaohsiung lebte und vor allem eins tat: Klavier spielen. Mit 14 bestand sie die Aufnahmsprüfung fürs Mozarteum und übersiedelte 1971 als Klavierschülerin nach Salzburg. „Salzburg war klein“, sagt sie, bewegte sie sich doch nur zwischen Wohnheim und Mozarteum, ihr Leben bestand aus Klavier üben und Klavier üben. Der große Eifer rächte sich, eine leichte Deformation der Handknochen setzte dem geliebten Klavierspiel ein Ende. „Klavier spielen war der Sinn meines Lebens und er ging verloren“, beschreibt Chu-An Chen die schwierige Zeit, sie fühlte sich ganz unten angekommen. Eine Rückkehr nach Taiwan war keine Option, da die Scham über das als Scheitern und Versagen empfundene Ende einer Karriere als Klavierspielerin zu groß war. Hatte doch die eigene Mutter mit strenger und erbarmungsloser Hand als Klavierlehrerin dafür den Grundstein gelegt.
Einen neuen Anker fand Chu-An Chen im Glauben an Jesus Christus in freikirchlicher Gemeinschaft, lernte dadurch eine Familie kennen, die einen Betrieb in Wien führte und sie in die Familie „aufnahm“. Mit 28 Jahren entschied Chu-An Chen, dass ein Betrieb keine Familie ist, stellte das Arbeiten ein und machte sich ans Lernen. Und wie. Acht Jahre lang lernte sie – autodidaktisch und gründlich. Schulbücher bildeten das Ausgangsmaterial und wurden Schritt für Schritt durchgeackert.
„Ich bin einfach rausgegangen und habe Bildung nachgeholt.“
Chu-An Chen bringt sich Deutsch, Englisch und Latein bei und beschäftigt sich mit der Geschichte Taiwans. Sehr viel Zeit verbrachte sie in der Bücherei Zirkusgasse. „Bücher sind die beste Nahrung!“
„In Taiwan ist die Bildung gut, heute auch für Mädchen“, berichtet sie. In allen Fächern unterrichten Lehrende aus dem Ausland, Bücher sind sehr beliebt und haben einen hohen Stellenwert. Viele studieren in den USA, wie ihr Bruder, der dort Pharmazie studierte und blieb; viele Frauen schließen mit Doktorat ab. Auch Richterinnen und Ärztinnen gibt es in Taiwan einige, erzählt Chu-An Chen, Politikerinnen aber keine. Chu-An Chens Schwester studierte in Spanien Musik und lebt nachwievor dort und übt diesen Beruf auch aus.
„Viele Männer haben zwei Gesichter“
„Wenige intelligente Frauen haben eine gute Ehe“, sie setzen nicht auf Intelligenz in der Beziehung, suchen sich keine klugen Männer und arbeiten doppelt so viel. In Ehe und Familie sind Frauen in Taiwan generell vielen Verboten ausgesetzt erklärt Chu-An Chen: „Viele Männer haben zwei Gesichter und die Ehe ist eine Qual.“ So nimmt die Anzahl der Scheidungen langsam zu. Immer mehr Paare leben auch ohne Ehe zusammen und für viele Frauen ist der Ehemann nicht mehr der erste Partner im Leben, weiß Chu-An Chen aus Gesprächen mit ihrer Mutter. Mit der Mutter, die früher so streng war und heute auch ihr gegenüber lacht und Witze erzählt, versteht sie sich heute besser. Sie telefonieren regelmäßig, Fr. Chen besuchte Taiwan nur dreimal und zuletzt vor 3 Jahren.
Ihre Mutter hatte keine gute Ehe. Der Vater ist streng gläubiger Christ, der der Mutter Kleidervorschriften, Entsagungen und Enthaltsamkeit auferlegte, Geld und Zeit ausschließlich in die Kirche investierte und dort zwar sehr angesehen und umgänglich, in der Familie aber nicht präsent war. Nach seiner Pensionierung als Englisch-Gymnasiallehrer nörgelt und kommandiert er zu Hause. „Vor einem Monat hat er sich zum ersten Mal in seinem Leben bei meiner Mutter bedankt“, schüttelt Chu-An Chen den Kopf.
„Ich spreche fließender Deutsch, seit ich die Katzen hab…“
Chu-An Chen lebt lieber allein und eigenständig, seit vorigem Jahr hat sie zwei Katzen, die ihr Freude machen, weil sie AnsprechpartnerInnen zu Hause hat. „Ich spreche fließender Deutsch, seit ich die Katzen hab“, lacht sie.
Seit 14 Jahren arbeitet Chu-An Chen im selben Geschäft der Lebensmittelkette. Selbst im Urlaub geht sie in den Laden und will Aufgaben erledigen, wenn sie nicht von ihren KollegInnen davon abgehalten und in die verdiente Freizeit geschickt wird. Das Geschenk zum 10-jährigen Arbeitsjubiläum, eine Uhr, wurde ihr unlängst aus der Wohnung geklaut und auch diese Geschichte erzählt Chu-An Chen gelassen und gespickt mit Scherzen.
Noch etwa zehn Jahre möchte sie ihre Arbeit fortsetzen. In ihrer Pension will Chu-An Chen zurück nach Taiwan gehen, um in einem Kinderheim zu arbeiten. Dass ihre Zeit in Österreich ein Ablaufdatum hat, sieht sie entsprannt.. „Ich möchte nicht für immer in Österreich bleiben“.
Auf dass alle Wünsche von Chu-An Chen in Erfüllung gehen und sie nicht nur uns, sondern vor allem sich selbst Gutes tut und Freude macht!
Interview von: Uschi Lichtenegger und Martina Wurzer, Bezirksrätinnen der Leopoldstadt, wohnhaft im Volkertviertel
Bereits erschienen in gekürzter Fassung im Frauengrünspecht der Grünen Alternative der Leopoldstadt eins/2010.
Das Grätzl-Blattl – RedakteurInnen sind treue KundInnen und Fans von Kassierin Chu-An Chen – hat ihr einen Blumenstrauß überreicht, ein kleines Dankeschön für ihren unermüdlichen lächelnden Einsatz – das war auch eine Coverstory des Grätzl-Blattls 2/2006 des Volkert- und Alliiertenviertels.


Liebe Liesl,
Gratulation, Du hast den Preis wirklich verdient!
Danke für Dein Engagement.
Ich freue mich auf weiterhin gute Zusammenarbeit.
Liebe Grüße,
Michael Huber-Strasser