Immer öfter droht historischen Wohnhäusern die Abrissbirne. Ab sofort können Sie uns unter schutzzone@gruene.at Fälle von bedrohten Häusern melden.
Von Sabine Gretner
Wienweit werden immer mehr historische Wohnhäuser abgerissen, obwohl sie in Schutzzonen oder unter Denkmalschutz stehen. Neubauten sind hier für Investoren lukrativere Immobilien, obwohl sie das Wiener Stadtbild und den Charakter bestimmter Grätzel für immer zerstören. In der Nähe der verlängerten U-Bahnlinie U2 greift die Abbrissbirne derzeit massiv um sich.
Die WienerInnen können uns ab sofort Fälle von bedrohten historischen Häusern melden. Mail an schutzzone@gruene.at.
Was derzeit passiert:
In den siebziger Jahren gab es in Wien ein beginnendes Bewusstsein für historische Ensembles in der Stadtlandschaft. So wurde beispielsweise der Spittelberg gerettet, der heute als Touristenattraktion gilt. Europaweit wird die Förderung der Altstadterhaltung- und Sanierung der Stadt Wien bewundert und der Erhalt vieler historischer Grätzel gelobt. Auch die Gebietsbetreuungen spielen in diesem Zusammenhang aufgrund ihrer genauen Ortskenntnisse eine wichtige Rolle. Öffentliche Gelder und Mittel aus dem Altstadterhaltungsfonds wurden in die Erhaltung der historischen Bausubstanz investiert.

Karmeliterg. 3 und 5 in bester Bausubstanz! - Die MA19 begründete die Abbruchreife mit der Verfremdung durch die Alufenster und Umbau des Erdgeschoßes.
Seit einiger Zeit steigt der Druck auf dem Immobilienmarkt und Projektentwickler sehen die Qualität der gewachsenen Stadt immer weniger. Der Abbruch und Neubau ist die vordergründig lukrativste Variante, wenn man kurzfristig Geld machen will. Die drei (!) zuständigen Behörden agieren unkoordiniert und widersprüchlich. Einerseits verordnet die für Flächenwidmungen zuständige Magistratsabteilung MA 21 Schutzzonen, andererseits ermöglicht sie an gleicher Stelle höhere Bauten. Während die für das Stadtbild zuständige MA 19 die Qualität des Ensembles bestätigt, erteilt die Baupolizei MA 37 die Abbruchbewilligung aufgrund der „wirtschaftlichen Abbruchreife“.

Unprofessioneller Abbruch Karmeliterg. 3. Die Schutzbestimmungen wurden nicht eingehalten und die Parkplätze gegenüber nicht gesperrt. Somit steckte der Bus 5a oft im Stau.
Die Folge des Behörden-Chaos: Die Eigentümer lassen ihre Häuser gezielt verfallen, um die technische Abbruchreife zu erwirken. Die Baupolizei schaut diesem Treiben zu und erteilt letztlich die Abbruchbewilligung. Die Stadt Wien droht ihren speziellen Charakter zu verlieren, wenn die Behörden nicht koordiniert und mit dem klaren Auftrag der Erhaltung der historischen Substanz in Schutzzonen agieren.
Der aktuelle Anlass: Das Karmeliterviertel
Seit Ende 2009 sind nach Häusern in der Rembrandtstraße, der Lilienbrunngasse, der Herminengasse, der Oberen Donaustraße 61 nun in der Großen Sperlgasse 14 und derzeit aktuell in der Karmelitergasse 3 Abbrucharbeiten ( bzw. Teilabbrüche) durchgeführt worden. Letztere beiden Häuser liegen innerhalb von Schutzzonen, die von der MA 19 als „erhaltenswert“ beurteilt wurden. Die MA 19 stellte fest: „Einem Abbruch des Straßentraktes kann keinesfalls zugestimmt werden.“
Das aktuell zerstörte Josephinische Haus aus 1788 wurde im Auftrag der Wohnbauvereinigung der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst entfernt und soll durch ein Wohnhaus ersetzt werden. Aufgrund der Ereignisse hat sich eine BürgerInneninitiative „SOS Karmeliterviertel“, die den Erhalt des Charakters des Grätzels zum Ziel hat, gebildet.
Wieso sah die Baubehörde tatenlos zu?

Sensibel saniertes Doppelgiebelhaus in der Großen Pfarrg. - So soll es sein in einer Ensembleschutzzone!
Nach §129 Abs. 2 der Wiener Bauordnung haben Eigentümer dafür zu sorgen, dass die Gebäude in einem guten Zustand erhalten werden. Wieso sah die Baubehörde hier solange zu, bis die technische oder wirtschaftliche Abbruchreife erreicht wurde? Sie hätte den Inhabern schon lange vor den Abbruchbescheiden Bauaufträge zur Erhaltung ihrer Gebäude erteilen müssen.
Wir fordern:
- Klare Haltung der zuständigen Stadträte Schicker und Ludwig und der ihnen unterstellten Abteilungen zum Schutz des Karmeliterviertels
- Klarer Auftrag an die drei Magistratsabteilungen und koordiniertes Vorgehen der Behörden
- Rechtzeitige Erteilung von Bauaufträgen durch die MA 37 in Schutzzonen damit die Eigentümer ihre Häuser nicht gezielt verfallen lassen.
- Stopp der Aufzonung, das heißt Stopp der Ermöglichung höherer Bauten durch Anhebung der Bauklassen bei Umwidmung in Schutzzonen.
- Überprüfung der technischen und wirtschaftlichen Abbruchreife in Schutzzonen unabhängig der Fachgutachten durch die MA 37 vor Ort.
- Strafzahlungen in angemessener Höhe für mutwillige Zerstörung, bzw. „versehentlichen“ Abbruch in Schutzzonen.
- Zusammenarbeit der Magistratsabteilungen mit dem Wiener Altstadterhaltungsfonds


Eine gewaltige Profitgier…
weitere Bilder unter: http://www.flickr.com/photos/leopoldstadt/sets/72157623157533195/
Klar bin ich der Meinung, dass wenn man ein Haus abreisst, dass man es „ordentlich“ machen muss. Allerdings bin ich wohl ein zu „praktischer“ Mensch, denn ich bin der Meinung dass der „Denkmalschutz“ nur für wirklich herausragende Gebäude – „Denkmäler“ eben – sein sollte, und nicht irgendwelche hässlichen Häuser gelten sollte, bloss weil sie älter sind.
Da würde ich es schon für sinnvoller erachten, dass man von den neuen Bauten einfach einfordert, dass sie sich in das Stadtbild einordnen.
Wenn man also einem Neubau auch „Dacherln“ über den Fenstern verpasst, und nicht nur „nakkerte“ Wände hinstellt würde es optisch glaub ich gleich viel besser aussehen.
Wobei ich persönlich ja eher ein Fan von „grünen“ Wänden bin:
zB diese: http://lisastown.com/inspirationwall/wp-content/uploads/2009/09/Picture-5-420×537.png
Aber selbst ein schön mit Efeu überwachsenes Haus sieht deutlich besser aus als diese heruntergekommenen graubraunen Schmutzflecken. Dann noch ein Passiv- oder zumindest Energiesparhaus draus machen, noch ein paar Solarzellen oder eine Windkraftturbine aufs Dach, den 1. Stock ausgestellt, damit der Gehsteig wettergeschützt ist, einen kleinen Allgemeingarten mit ein paar kleinen Bäumchen, einer Schaukel und ner Sandkiste in den Innenhof. Ich würde dann dem Uralthaus keine Träne nachweinen. ;o)
lG, Meta
http://www.flickr.com/photos/leopoldstadt/sets/72157623620459882/
Fotos von der proFESTprozession Rettet das Karmeliterviertel vor den Spekulanten….
Praktische Meta hat viel Sinn für praktische Lösungen, aber wenig Feeling dafür was die Zerstörungen innerhalb historischen Schutzzonen Große Sperlgasse, Karmelitergasse, Rembrandstraße an Geschichtsverlust, nämlich gerade in der Kernzone bedeutet. Was die Leopoldstadt attraktiver und auch vielschichtiger als andere Bezirke Wiens macht, wird verunwirtschaftlicht, zerstört und geht schließlich gewinnbringend an die Immospekulanten.
Schutzwürdig ist nicht das „Herausragende“ …was isn das?…sondern viel mehr die urbane Atmosphäre, diese historischen Spuren die sich im Althausbestand ablesen lassen…solange es ihn noch gibt.
Ich würde einen Bezirk in dem so alte Häuser stehen nicht als attraktiver und vielschichtiger bezeichnen, sondern eher als „heruntergekommen“. Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.
Hat irgendwer mal recherchiert, was für einen Wohnungsstandard die alten Häuser haben (Klo am Gang? Warmes Wasser im Bad? Fernwärme? Wärmedämmung?). Welchen Wohnungsstandard haben jedoch die Neubauten die an deren Stellen hingebaut werden? Steht das Verhältnis in irgendeiner Relation zu den Betriebskosten des Hauses?
Ich glaube wir sind uns einig, dass der einzige Nutzniesser eines solchen Abrissneubaus nicht der Immobilienhai sein darf. Meiner Meinung nach sollte man aber deshalb nicht die ganze Aktion selbst verteufeln, sondern primär daran arbeiten, dass die Effizienzsteigerung dort ankommt, wo sie hinsoll: Bei den Bewohnern des Hauses!
Geschichte schön und gut, aber wenn deshalb Leute in Substandardwohnungen hausen müssen, obwohl eigentlich mehr möglich wäre, dann hört sich der Spass auf. (Womit ich nicht sagen möchte dass ich generell dagegen bin, dass man zB Wahrzeichen wie Stephansdom oder Riesenrad der Nachwelt erhält – aber eben alles mit Mass und Ziel.)
Die Leute müssen keineswegs in Substandardwohnungen wohnen, es gibt sogar in Wien, Beispiele von sanften Erneuerungen, bei denen sich der „Spass“ nicht aufhört. Die flächendeckende Effizienzsteigerung kommt ja gerade bei jenen Bewohnern an, die es sich leisten können. Muß mich wundern daß es Meta scheints nur um die Erhaltung tourismustauglicher „Wahrzeichen“ geht. Wahrzeichen hat mit Wahrheit zu tun, historischer z.B. Das ist dann nimmer einer Geschmacksbeliebigkeit unterworfen. Jedenfalls nett daß Riesenrad und Stephansdom trotz mangelnder Wärmedämmung der „Nachwelt erhalten bleiben dürfen. – Mit Maß und Ziel…welches Ziel?
Hmmm, ist ein „sanft Erneuertes“ Gebäude denn überhaupt noch „Wahr“? ;o)
Aber im Ernst: Ist es nicht deutlich billiger ein Haus niederzureissen und neu zu bauen, als eine Generalsanierung durchzuführen, bei der eigentlich fast alles ausgetauscht wird?
Und der Grund warum sich mein Verständnis von Wahrzeichen mit denen der Tourismusbranche deckt ist wohl der, mein Verständnis von „optisch ansprechend“ und „historisch wertvoll“ wohl einerseits von der Tourismusbranche, als auch den Touristen selbst geteilt wird. Eine schön hergerichtete Zeile alter Häuser im 1. Bezirk würde da eventuell noch dazugehören. Ein Viertel von heruntergekommenen Altbauten im 2. Bezirk meiner Meinung jedoch nicht – auch wenn die Häuser eventuell aus derselben Zeit stammen.
Denn wenn ich alles schütze, was historisch „wahr“ ist, dann dürfte ich überhaupt keine Häuser mehr einreissen, und sofern meine These von oben stimmt (Neubau billiger als Sanierung), würde der allgemeine Wohnstandard in Gesamtwien sinken.
Und mit „Mit Mass und Ziel“ meinte ich, dass man halt einen geeigneten Mittelweg finden muss, zwischen „alles muss so bleiben wie es war“ und „alles was veraltet ist, wird abgerissen und erneuert“.
Und zuguterletzt noch dazu was:
„Die flächendeckende Effizienzsteigerung kommt ja gerade bei jenen Bewohnern an, die es sich leisten können.“
Ich denke damit spielst Du an, dass Leute die aktuell in Substandardwohungen wohnen, sich die höheren Mieten, die nach einem Neubau vermeintlich verlangt werden nicht mehr leisten können. (Da die Immobilienhaie natürlich die ganze Effizienzsteigerung selber Einsacken wollen.)
Ich habe doch oben extra geschrieben, dass ich das nur unter der Rahmenbediungung gutheisse, wo eben genau dass nicht zutrifft. Etwas mehr Miete ist sicher ok, aber durch die bessere Wärmedämmung und günstigere Fernwärme sollte man hier durchaus einiges bei den Betriebskosten kompensieren können.
ein beispiel:
http://www.architekt-stelzhammer.at/karmelitergasse.html
Daß Abrissbirne billiger ist, das wusste auch Ceauşescu.;-)
Es wird genug abgerissen. Es geht einfach um die Erhaltung der historischen Substanz in Schutzzonen.